Auf der Suche nach Rettung in Auschwitz

Im Zentrum von Berlin steht auf einer  Fläche von 19 000 Quadratmetern ein Monument von 2711 Betonblöcken. Bekannt unter dem Namen Holocaust-Mahnmal erinnert es an die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden, den Holocaust.

Ab 1936 begann in Deutschland die systematische Verfolgung der Juden und politischen Regimegegner. Die Nazis unter Adolf Hitler mit ihrer menschenverachtenden Ideologie zettelten den Zweiten Weltkrieg an und beschlossen nach unzähligen Todesopfern, Ausgeraubten und Vertriebenen die sogenannte „Endlösung“, d.h., die weltweite Massenvernichtung der Juden, damit kein Zeuge, Chronist oder Dokument ihrer Verbrechen übrig bliebe. Grausamster Verfolgung zum Trotz überlebten dennoch viele und erzählten der Weltöffentlichkeit ihre Geschichten.

Deutschland hat seine Verantwortung für diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt, versucht die Verbrechen des früheren Regimes und seiner Mitläufer wiedergutzumachen und u.a. durch Gedenkstätten wie das Holocaust-Mahnmal die Erinnerung an die Opfer lebendig zu erhalten.

Ali Khamenei, der Oberste Führer der Islamischen Republik und seine Gefolgsleute dagegen versuchen hartnäckig und beständig die Gräueltaten des Holocaust zu leugnen und als „Mythos“ darzustellen.

Dass die Leugnung des Holocaust in Frankreich als Straftat eingestuft wird, ist zu einem Lieblingsthema für Khamenei geworden. Indem er sich auf die „Meinungsfreiheit“ beruft, bezeichnet er die Vernichtung von Millionen Juden als „Mythos“.

In den 30 Jahren seiner Herrschaft über Iran hingegen hat er selbst die Meinungsfreiheit immer weiter eingegrenzt. So ist es verboten, den Obersten Führer oder andere schiitische Persönlichkeiten in Karikaturen zu porträtieren, und ein Verstoß gegen dieses Verbot kann sogar bis zur Hinrichtung führen. Ganz wie einst, im Jahre 1831, als Honoré Daumier im Gefängnis landete, weil er des Gesicht des französischen Königs Louis Philippe als Birne gezeichnet hatte.

Am 16. Oktober enthauptete ein junger Mann mit dem Ruf „Allahu Akbar“ den französischen Gymnasiallehrer Samuel Paty, weil dieser im Unterricht eine Mohammad-Karikatur gezeigt hatte. Der Mörder war ein junger Mann, der sagte, seine Vorbilder seien Abu Bakr Bagdadi und Recep Tayyib Erdogan. Nach dem Attentat bezeichnete Emmanuel Macron den Geschichtslehrer, der den Wert der Meinungsfreiheit im Unterricht demonstriert habe, als „stillen Helden“ und „Gesicht der Republik“. In einer im Fernsehen ausgestrahlten Grabrede am 21. Oktober sagte Macron, dass Frankreich die Kunst der Karikatur nicht aufgeben werde. Paty wurde mit Frankreichs höchster Auszeichnung, der Légion D’Honneur  zu Grabe getragen.

Übereinstimmend mit vielen islamistischen Organisationen weltweit reagierten die iranischen Amtsträger. Außenminister Javad Zarif warf Macron vor, Extremismus zu provozieren, und die iranischen staatlichen Zeitungen karikierten Macron als Teufel.

Charlie Hebdo veröffentlichte seinerseits eine Karikatur von Erdogan.

Ali Khamenei richtete eine Botschaft an die „französische Jugend“, es sei eine Dummheit  und eine Beleidigung des Gewissens ihrer Landsleute gewesen, Macron zum Präsidenten zu wählen. Die Veröffentlichung der Mohammad-Karikatur und jeder Nachdruck derselben sei eine „Beschimpfung und Beleidigung“ dieser strahlenden und heiligen Persönlichkeit. Indem er den Holocaust und Mohammad einander gegenüberstellte, fragte er: „Warum ist ein Verbrechen, am Holocaust zu zweifeln? Warum muss jemand, der darüber schreibt, ins Gefängnis wandern, aber die Beleidigung Mohammads ist freigestellt?“

Zwei Tage nach dieser Botschaft widmete Hossein Shariatmadari, der von Khamenei ernannte Herausgeber der ultrakonservativen Zeitung Keyhan seine Kolumne ebendieser Frage und schloss: „Der Holocaust ist eine große historische Lüge, und es gibt zahlreiche unwiderlegbare Beweise dafür, dass es sich um einen von den Zionisten erfundenen Mythos handelt.“

Warum leugnet Khamenei nach einer solchen Tragödie erneut den Holocaust? Wie häufig hat sich der Oberste Führer im Laufe seiner 30jährigen Herrschaft in vorgeblichen  Debatten über Meinungsfreiheit in diesem Sinne geäußert ?

Die teuflischen Karikaturen

Im Februar 2007, nach der Veröffentlichung einer Mohammad-Karikatur in einer dänischen Zeitschrift, stellte Ali Khamenei in einem Treffen mit dem Personal der Luftstreitkräfte die westliche Meinungsfreiheit infrage und bezeichnete die Judenvernichtung als „Mythos“: „Die Meinungsfreiheit, von der sie reden, erlaubt ihnen nicht,  am Mythos der Judenvernichtung, bekannt als Holocaust, zu zweifeln (…) Dagegen ist die Beleidigung der Heiligtümer von anderthalb Milliarden Muslimen – ohne jeglichen Grund, ohne dass ein Streit vorläge, ohne dass diese Seite die andere Seite beleidigt hätte, erlaubt und in der Meinungsfreiheit inbegriffen! Das Problem liegt nicht bei den Printmedien oder dem Karikaturisten, dem die Zionisten Geld gegeben haben, damit er eine Karikatur zeichnet – bei allen schmutzigen Zielen, die die Zionisten verfolgen – sondern das Problem liegt bei den europäischen Staatenlenkern, die dieses gehässige und empörende Verhalten verteidigen und es als Meinungsfreiheit erlauben.“

Er schloss: „Vermutlich handelt es sich bei der ganzen Sache um eine zionistische Verschwörung mit dem Ziel, Muslime und Christen gegeneinander aufzuhetzen.“

Seit der ersten Dekade der Revolution, seit seiner Präsidentschaft versuchte Khamenei, eine „islamische“ Definition der „Meinungsfreiheit“ zu formulieren. 1987 sagte er als damaliger Präsident der Islamischen Republik in einer Freitagspredigt, die Meinungsfreiheit müsse im Dienst der „richtigen Ideen“ stehen, andernfalls würden einige diese Freiheit missbrauchen und das Denken fehlleiten. In einer weiteren Freitagspredigt zwei Wochen später vervollständigte er seine Definition folgendermaßen: „Wir können unsere Augen nicht verschließen und behaupten, im Islam sei jede Meinungsäußerung frei und erlaubt. Die Beleidigung einer einfachen Frau ist ebenfalls tabu, aber nicht im gleichen Maße.“ Damit meinte er, nicht im gleichen Maße tabu wie die Beleidigung Mohammads, des Propheten des Islams.

Auszeichnung von Holocaust-Karikaturen, aber keine Verurteilung von Terror

Nachdem er Oberster Führer geworden war, ergriff Khamenei weitere Gelegenheiten, den Holocaust in Zweifel ziehen. Er sponserte Projekte, die die Schwere der Naziverbrechen zu relativieren suchten, wie die infame Holocaust-Karikaturen-Ausstellung und Preisverleihung an einen französischen Karikaturisten.

Nach dem Terrorangriff auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015, bei dem 12 Karikaturisten und Journalisten ermordet wurden, wandte sich Khamenei an die Jugend Europas und Nordamerikas. Ohne das Attentat jenes schwarzen Mittwochs zu verurteilen, beschuldigte er die globalen Machtstrukturen, sie würden den Islam generell  in schlechtem Licht darstellen. Die Zeitschrift „Yaltharat al-Hossein“ („O Ihr Erben Husseins“) der „Freunde der Hezbollah“ beschrieb den Terrorangriff auf Charlie Hebdo gar als „segensreichen Vorfall“.

Und genauso wenig wie er die damaligen Terroranschläge verurteilt hatte,  verurteilte Khamenei die Enthauptung des Geschichtslehrers und andere Terrorakte.

Interview mit einem exilierten Karikaturisten: Unsere Zielscheiben sind Ideologien und Kulturen, nicht Individuen

„Die Karikatur ist eine Kunst, die der Karikaturist schafft. Ohne Meinungsfreiheit gibt es keinen Rahmen für ihn. Professionelle, unabhängige Karikaturisten zielen nicht auf Personen ab. Sie benutzen politische, religiöse oder historische Personen des öffentlichen Lebens als Stellvertreter für eine bestimmte Ideologie oder Kultur. Diese sind Personen des öffentlichen Lebens und gehören aus geschichtlicher Perspektive der Allgemeinheit. Um zur Laizität und einer entsprechenden Gesetzgebung zu gelangen haben die Franzosen sich hunderte von Jahren bemüht und sind dafür verhaftet oder getötet worden.“

So die Worte Kianoush Ramezanis, eines in Frankreich lebenden Karikaturisten, der nach der Ermordung der Karikaturisten von Charlie Hebdo die internationale Kampagne „United Sketches“ ins Leben rief, um die Meinungsfreiheit und insbesondere inhaftierte, bedrohte und exilierte Karikaturisten zu unterstützen. In einem kurzen Interview für diesen Artikel sprach er mit IranWire.

Was ist Karikatur, warum macht sie muslimische Extremisten so wütend, dass sie ihretwegen Menschen ermorden?

Sie ist eine Kunst, geboren aus einem Künstler, dessen Werkzeug die Meinungsfreiheit ist. Ich, der ich unter einem islamischen diktatorischen Regime gearbeitet habe, weiß, welche Folgen das Zeichnen solcher Karikaturen hat. Die westliche Gesellschaft kann sich keine Vorstellung davon machen.

In Frankreich ist die Beleidigung von Heiligtümern keine Straftat. In der Islamischen Republik jedoch kann man dafür hingerichtet werden. Ob wir wollen oder nicht, die Propheten aller Religionen, darunter auch des Islams, waren immer Thema der Karikaturisten und ihrer Kunst. Indem sie bekannte religiöse, politische  und historische  Persönlichkeiten benutzen, stellen sie ihre Kritik und ihre Standpunkte dar. Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir unter Berücksichtigung des Begriffs der Meinungsfreiheit und der Definition von Karikatur den westlichen Gesellschaften klarmachen, wie das Leben unter der diktatorischen islamischen Herrschaft ist. Hier geht es nicht um „Respekt vor kulturellen Eigenheiten“. Der Islam ist keine Kultur, sondern eine Religion. Wie das Christentum oder das Judentum. Wir dürfen uns nicht mit diesen Beschränkungen abfinden unter dem Motto des Respekts vor anderen Kulturen. Der Islam prägt in jedem Land einen anderen Lebens-und Glaubensstil aus. Wir können nicht seine Haltung zur Gewalt ignorieren, das heißt, die gewaltsame, unmenschliche Seite des Islamismus, derentwegen ein Karikaturist, der einen Propheten zeichnet, der der ganzen Welt gehört, angegriffen und ermordet wird.

Im Internationalen Abkommen über die zivilen und politischen Rechte heißt es in zwei Artikeln, dass die Meinungsfreiheit nicht zur Verbreitung von Hass und zum Aufruf zur Gewalt benutzt werden darf. Manche sagen, dass durch die Veröffentlichung solcher Karikaturen fanatische Muslime zu Gewalttaten angestachelt werden, was zu einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit führt.

Die Meinungsfreiheit umfasst nicht die Verbreitung von Hass und den Aufruf zu Gewalt gegen Menschen. Es ist auch nicht Sache des Karikaturisten, die betreffende Persönlichkeit zur Zielscheibe zu machen. Als aktivistischer Karikaturist möchte man mit der Konzentration auf religiöse, politische oder historische Persönlichkeiten vielmehr  die Sakralisierung bekämpfen, genau wie jene, die unablässig antidiktatorische Karikaturen zeichnen. Wenn ich mich in meinen Zeichnungen auf Khamenei konzentriere, so möchte ich ebendiese Sakralisierung thematisieren. Natürlich ist es nicht einfach, Tabus zu brechen, und ich habe Monate mit mir gerungen, ob ich diese Karikaturen zeichnen soll oder nicht. Es geht um die Infragestellung heiliger Persönlichkeiten, das, was Frankreich innerhalb von Jahrhunderten erreicht hat und was dort nicht als Verbrechen bewertet wird und mit dessen Tabuisierung sich die Islamische Republik selbst den Ast absägt, auf dem sie sitzt.

Warum stellen Deiner Meinung nach Khamenei und das Regime der Islamischen Republik den Karikaturen des islamischen Propheten das Thema des Holocausts gegenüber?

Die Strafwürdigkeit der Leugnung des Holocaust bedeutet nicht, dass er heilig wäre. Der Holocaust ist eine geschichtliche Tatsache. Millionen Menschen wurden ermordet, nur weil sie Juden waren. Es gibt historische Dokumente darüber. Ihn zu leugnen ist wie den acht Jahre währenden Krieg zwischen Iran und Irak zu leugnen oder die Ereignisse der Achtziger Jahre, oder als würden wir behaupten, alle Familien der im Krieg Gefallenen seien Schwindler. Der Holocaust eignet sich nicht als Beispiel für die Meinungsfreiheit. Das Ziel der Veranstaltung von Ausstellungen mit Karikaturen über den Holocaust war es, das Prinzip der Meinungsfreiheit in Frankreich infrage zu stellen. Den ersten Preis bei dieser Ausstellung hat dann auch ein Franzose gewonnen.

In Frankreich darf man für heilig Gehaltenes beleidigen, begeht aber eine Straftat, wenn man das Verbrechen gegen die Menschlichkeit des Holocaust infrage stellt. Daran hängen sich Khamenei und seine Anhänger immer wieder auf. Im „Gayssot-Gesetz“ aus dem Jahre 1990 heißt es, dass die Leugnung dieser Verbrechen deshalb als Straftat geahndet wird, damit sie sich niemals wiederholen. Die Anklage, die gegen eine solche Leugnung erhoben wird, lautet „Verbreitung von Hass“. Das Gesetz beruht auf dem Beweismaterial der Nürnberger Prozesse 1945/46 gegen die führenden Nationalsozialisten.

Noch im gleichen Jahr 1990 stellte Khamenei den Holocaust infrage: „Diese Hunde und Handlanger Amerikas, diese Israelis, die schlimmer als wilde Tiere sind, richten soviel Unheil im besetzten Palästina an, ohne dass die Weltgemeinschaft darauf reagiert. Weil es sich um Muslime handelt. Die gleiche Welt, die dreißig oder vierzig Jahre nach dem Fall des Hitlerregimes  anfing die Menschen zu verfolgen, die angeblich ein paar Juden getötet oder gefoltert hatten. Vielleicht war in Wirklichkeit ja viel weniger passiert als behauptet wurde.“

IranWire: Was bedeutet „Islamische Meinungsfreiheit“?

Ab dem Jahr 1987 begann Ali Khamenei, eine islamische Definition der Meinungsfreiheit zu verkünden. So sagte er 1987: „Regierungsgeheimnisse darf man nicht enthüllen, das hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. Vielmehr muss man das Gemeinwohl abwägen.“ Über dreißig Jahre hinweg legte er immer wieder Definitionen der „islamischen Meinungsfreiheit“ vor. Im September 1998, bei einem Treffen mit Befehlshabern der Revolutionswächter sagte er, der Islam definiere die Grenzen der Meinungsfreiheit. Wenn der Islam angegriffen werde, so sei das Verrat. Die Enthüllung von Regierungsgeheimnissen galt von Anfang an als „Spionage für den Feind“.

Und dergleichen Äußerungen mehr. Zwar kann man Khameneis Botschaften an seine Anhänger als Hetze bezeichnen, aber vielleicht fürchtet er schlicht, dass die Reihe einmal an ihn kommen könnte. Eines Tages, wenn weltweit niemand mehr seine persönlichen und die Verbrechen der Islamischen Republik leugnen kann. Den Davongekommenen dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird jener Tag als Tag der Gerechtigkeit gelten.

Als Eva Szepesi mit ihrer Familie nach Auschwitz transportiert wurde, war sie 12 Jahre alt.

An jenem Tag wurde ihr eine Nummer auf die Hand tätowiert, deren Spuren sie noch immer trägt:  26877 war der Stempel auf ihrem Handgelenk, ihre Identität in jenem Lager: „Das Schlimmste passierte danach. Eine Frau kam zu mir, und bevor ich begriff, was geschah, schnitt sie mir die geflochtenen Haare ab und schor mir den Kopf kahl. (…) Die Rote Armee rückte näher und die Deutschen mussten sich so schnell wie möglich zurückziehen. Sie hatten den Befehl, jeden zu töten, der nicht mitkam, damit niemand über ihre Verbrechen Zeugnis ablegen konnte. (…) Wenn manche sagen, Auschwitz war nur eine Legende, verstehe ich, wie wichtig die Arbeit der Davongekommenen ist. Dass wir den nachfolgenden Generationen sagen, was dort passiert ist, damit es nie wieder passiert. Alle, die von den Nazis ermordet wurden, sind ihrer Redefreiheit beraubt worden. Daher müssen wir an ihrer Stelle berichten.“

Genau dies ist es, wogegen Ali Khamenei kämpft. Er will die Redefreiheit niederschlagen.